Katholiken

Die Fra­ge, ob die ka­tho­li­sche Kir­che Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­leis­tet ha­be, lässt sich nicht mit ei­nem kla­ren Ja oder Nein be­ant­wor­ten. Viel­mehr weist die Ge­schich­te der deut­schen Ka­tho­li­ken 1933−1945 die ge­sam­te Band­brei­te mög­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen auf, von Bei­spie­len ak­ti­ven Wi­der­stands über vie­le For­men des Mit­läu­fer­tums bis hin zu gra­vie­ren­den Feh­lern und Ver­säum­nis­sen. Eben­so un­ein­heit­lich und oft­mals wi­der­sprüch­lich war auch die Po­li­tik des Re­gimes ge­gen­über der Kir­che.

Kir­che und Staat wa­ren in Deutsch­land nicht strikt ge­trennt. Schnitt­stel­len be­stan­den zum Bei­spiel in den ka­tho­li­schen Schu­len und auch in der Mi­li­tär­seel­sor­ge. Hin­zu kam noch der „po­li­ti­sche Ar­m“ der ka­tho­li­schen Kir­che, die Zen­trums­par­tei, in der ne­ben Lai­en auch vie­le Geist­li­che ver­tre­ten wa­ren („po­li­ti­sche Prä­la­ten“). Die ka­tho­li­sche Kir­che war nicht nur ei­ne re­li­giö­se, son­dern auch ei­ne ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on und als Volks­kir­che an vie­len Stel­len im Staat prä­sent. Als mäch­ti­ge ge­sell­schaft­li­che und kei­nes­wegs nur als re­li­giö­se Or­ga­ni­sa­ti­on wur­de sie auch von der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gie­rung wahr­ge­nom­men und als welt­an­schau­li­cher Geg­ner ge­fürch­tet und be­kämpft.

Die La­ge schien sich aus Sicht der Ka­tho­li­ken auch zu­nächst zu ent­span­nen, da Hit­ler in sei­ner Re­gie­rungs­er­klä­rung vom 23.3.1933 der Kir­che ei­ne Rei­he von Zu­ge­ständ­nis­sen mach­te: Die na­tio­na­le Re­gie­rung sieht in den bei­den christ­li­chen Kon­fes­sio­nen wich­tigs­te Fak­to­ren der Er­hal­tung un­se­res Volks­tums. Sie wird die zwi­schen ih­nen und den Län­dern ab­ge­schlos­se­nen Ver­trä­ge re­spek­tie­ren; ih­re Rech­te sol­len nicht an­ge­tas­tet wer­den, hieß es un­ter an­de­rem in sei­ner Re­de.

Der Kar­di­nal Ber­tram hat­te es dar­auf­hin all­zu ei­lig, auch ei­ni­ge Vor­be­hal­te der Ka­tho­li­ken dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­gen­über auf­zu­ge­ben, um auch wei­ter­hin ein grund­sätz­lich po­si­ti­ves Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Staat zu er­mög­li­chen. Nur fünf Ta­ge nach Hit­lers Re­gie­rungs­er­klä­rung ver­öf­fent­lich­te Ber­tram sei­ner­seits ei­ne Er­klä­rung, die nicht mit al­len Bi­schofs­kol­le­gen ab­ge­spro­chen wor­den war, und be­zeich­ne­te dar­in ei­ne Rei­he der „all­ge­mei­nen Ver­bo­te und War­nun­gen“ vor dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus „nicht mehr als not­wen­dig“, hielt je­doch ei­ne Rei­he an­de­rer „Mah­nun­gen“ wei­ter­hin auf­recht.

Längst nicht al­le Ka­tho­li­ken wa­ren mit die­sem all­zu ra­schen schein­ba­ren „Aus­gleich“ mit der NS-Re­gie­rung ein­ver­stan­den. Vor al­lem je­ne, die sich im Kampf ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­son­ders en­ga­giert wa­ren – wie zum Bei­spiel die Mit­glie­der der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne − wa­ren tief ent­täuscht, dass ihr Ein­satz in der Er­klä­rung nicht ein­mal ge­wür­digt wur­de. Für an­de­re wie­der­um be­deu­te­te die Er­klä­rung ei­ne spür­ba­re Ent­las­tung, zum Bei­spiel für ka­tho­li­sche Be­am­te, die sich in ei­nem schwie­ri­gen Loya­li­täts­kon­flikt zwi­schen ih­rer Ver­pflich­tung ge­gen­über dem Staat und ih­rer Bin­dung an die ka­tho­li­sche Kir­che be­fan­den.

Die in­ne­ren Macht­struk­tu­ren des Re­gimes wa­ren für die ka­tho­li­sche Kir­che nicht im­mer klar zu er­ken­nen. Sie hielt sich da­her an die of­fi­zi­el­len Zu­stän­dig­kei­ten und ver­han­del­te mit der NS-Re­gie­rung in der glei­chen Wei­se, wie sie es auch mit an­de­ren Re­gie­run­gen ge­tan hät­te. So folg­te 1933 zu­nächst der Ver­such, das Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Staat ver­trag­lich zu re­geln: Am 20.7.1933 wur­de das Reichs­kon­kor­dat un­ter­zeich­net.

Der Ver­trag ver­sprach die Freiheit des Be­kennt­nis­ses wie der Re­li­gi­ons­aus­übung, stell­te den Er­halt der Be­kennt­nis­schu­len wie den Schutz der re­li­giö­sen, kul­tu­rel­len und ka­ri­ta­ti­ven Or­ga­ni­sa­tio­nen in Aus­sicht und gab vor, auch so­zia­le und be­rufs­stän­di­sche Ein­rich­tun­gen des Ka­tho­li­zis­mus an­zu­er­ken­nen. Der Preis hier­für war je­doch, dass Ka­tho­li­ken und Kir­che je­de wei­te­re par­tei­po­li­ti­sche Be­tä­ti­gung ein­stel­len muss­ten.

Vor die­sem ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grund konn­te der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ziel­stre­big sei­ne Stel­lun­gen aus­bau­en.

Die Erz­diö­ze­se Köln war – ge­mes­sen an der Zahl der Ka­tho­li­ken – mit Ab­stand die grö­ß­te deut­sche Diö­ze­se. 2,5 Mil­lio­nen Ka­tho­li­ken leb­ten dort und mach­ten fast 60 Pro­zent der Ge­samt­be­völ­ke­rung aus. An der Spit­ze des Bis­tums stand seit 1920 Erz­bi­schof Karl Jo­seph Schul­te.

Er sah ei­nen sei­ner Ar­beits­schwer­punk­te auf dem Ge­biet der So­zi­al­leh­re. Mit all­ge­mein-po­li­ti­schen Fra­gen be­fass­te er sich nur not­ge­drun­gen. Nur un­gern sah er sich als Köl­ner Erz­bi­schof mit den gro­ßen Kon­flik­ten der Wei­ma­rer Schul­po­li­tik und der Rhein­land­fra­ge kon­fron­tiert.

Auch an­ge­sichts des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus blieb Schul­te sehr − oft­mals all­zu sehr − zu­rück­hal­tend. Ob­wohl un­er­schüt­ter­lich in sei­nen Glau­bens­grund­sät­zen, ver­such­te er die Aus­ein­an­der­set­zung auf das rein re­li­giö­se Ge­biet zu be­schrän­ken, auch als längst un­über­seh­bar ge­wor­den war, dass die Ver­fol­gungs­po­li­tik der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten weit mehr war als ein re­li­giö­ser Kon­flikt.

Erz­bi­schof Karl Jo­seph Schul­te starb kurz vor sei­nem 70. Ge­burts­tag nach ei­nem Flie­ger­an­griff auf Köln in der Nacht zum 11.3.1941. Es dau­er­te ein Jahr, bis am 7.3.1942 sein Nach­fol­ger Josef Frings ge­wählt wur­de. Frings war in man­cher Hin­sicht das Ge­gen­teil sei­nes Vor­gän­gers. Er ist bis heu­te be­kannt für sei­ne Volks­nä­he und die gro­ße Be­liebt­heit, die er sich vor al­lem in der Not­zeit der Nach­kriegs­jah­re er­warb. Po­pu­lär wur­de zum Bei­spiel die Re­dens­art vom „fring­sen ge­hen“ als Um­schrei­bung für den Koh­len­klau. Auch in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der NS-Re­gie­rung agier­te Frings mu­ti­ger als sein Vor­gän­ger und nahm in sei­nen Hir­ten­brie­fen und an­de­ren Äu­ße­run­gen of­fen Stel­lung ge­gen die NS-Ideo­lo­gie und -Po­li­tik. Um in der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Kir­che und NS-Re­gime noch spür­ba­ren Ein­fluss aus­üben zu kön­nen, kam Frings aber zu spät.

Die heu­ti­ge, rück­bli­cken­de Sicht auf die Ge­schich­te der ka­tho­li­schen Kir­che im „Drit­ten Reich“ deckt sich nicht im­mer mit der Sicht­wei­se der Zeit­ge­nos­sen. Vor al­lem die Wahr­neh­mung durch das NS-Re­gime war ei­ne ganz an­de­re als die bis­lang ge­schil­der­te. Für die NS-Macht­ha­ber war die ka­tho­li­sche Kir­che ein star­ker Geg­ner, den es zu be­kämp­fen galt. Sie mal­ten sich ihr Feind­bild in den düs­ters­ten Far­ben aus, und zu Geg­nern wur­den die Ka­tho­li­ken nicht erst durch ak­ti­ve Kri­tik oder gar Wi­der­stand ge­gen das „Drit­te Reich“, son­dern be­reits durch ih­re Ei­gen­schaft als Ka­tho­li­ken. Die Kir­che war ein welt­an­schau­li­cher Geg­ner. Für den NS-Staat aber war Welt­an­schau­ung al­les – sei­ne ge­sam­te Po­li­tik und Herr­schaft fu­ß­te dar­auf – und die Kir­che des­halb ein ge­fähr­li­cher Ri­va­le. Das NS-Re­gime for­der­te die Herr­schaft über den gan­zen Men­schen, die Ka­tho­li­ken aber hul­dig­ten in ih­ren Au­gen dem fal­schen Herrn.

Da­bei war die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Sicht auf die ka­tho­li­sche Kir­che nicht frei von Wi­der­sprü­chen: Nahm sie die Kir­che ei­ner­seits als Geg­ner wahr, konn­te an­de­rer­seits ihr Kon­zept der Volks­ge­mein­schaft nicht auf­ge­hen, wenn ein Drit­tel der Ge­samt­be­völ­ke­rung – eben der ka­tho­li­sche Be­völ­ke­rungs­an­teil – nicht da­zu­ge­hör­te. So sa­hen sich die Ka­tho­li­ken ei­ner­seits Ver­fol­gungs­maß­nah­men des Re­gimes aus­ge­setzt, an­de­rer­seits war die Re­gie­rung auf die Un­ter­stüt­zung auch des ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rungs­drit­tels an­ge­wie­sen. Die Stra­te­gie der Re­gie­rung schwank­te zwi­schen Na­del­sti­chen, vor­über­ge­hen­den Pha­sen des Waf­fen­still­stands und ver­schärf­ten Ver­fol­gungs­maß­nah­men.

Verfolgungen bis hin zur Einlieferung in ein KZ erfolgten oft wegen (meist angeblicher) Devisenvergehen und Homosexualität oder Versagung des Hitler-Grußes oder nicht erfolgter Beflaggung mit NS-Fahnen oder Weitergabe verbotener Schriften. Diese richteten sich auch gegen Viersener Pfarrer (z.B. Dr. Kremer, Franz Lambertz, Laurenz Linden, Joseph Dunkel, Gustav Raab u.a.).

Wi­der­stand ge­gen ih­re ei­ge­ne Ver­fol­gung hat die Kir­che zwei­fel­los und nicht oh­ne Er­folg und Ver­lus­te ge­leis­tet. Dies, die Auf­recht­er­hal­tung der kirch­li­chen Struk­tu­ren, war ih­re kla­re Prio­ri­tät. Des­halb ge­rie­ten oft je­ne Grup­pen aus dem kirch­li­chen Blick, de­ren Ver­fol­gung un­gleich ra­di­ka­ler aus­fiel, al­len vor­an die Ju­den. Zu ih­rer Ret­tung wä­ren deut­lich wir­kungs­vol­le­re Pro­test- und Hilfs­ak­tio­nen der ka­tho­li­schen Kir­che wün­schens­wert ge­we­sen. Es blieb zu­meist bei ver­ba­len Pro­tes­ten und Ret­tungs­ta­ten ein­zel­ner Ka­tho­li­ken. Zu sehr war die Kir­che ins­ge­samt mit sich selbst be­schäf­tigt, um hier zu tun, wo­zu sie mo­ra­lisch ver­pflich­tet ge­we­sen wä­re. Als ein Grund da­für kann ver­mu­tet wer­den, dass die Kir­che ih­re ei­ge­ne Kraft ten­den­zi­ell un­ter­schätz­te, die Kraft ei­ner funk­tio­nie­ren­den Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on in­mit­ten ei­nes to­ta­li­tä­ren Staa­tes, ih­re nach wie vor star­ke Öf­fent­lich­keits­wir­kung. Aber dies zeigt sich im Rück­blick zwei­fel­los deut­li­cher als in der zeit­ge­nös­si­schen Per­spek­ti­ve de­rer, die in den Jah­ren des „Drit­ten Rei­ches“ Ent­schei­dun­gen zu fäl­len hat­ten.

Mertens, Annette, Widerstand gegen das NS-Regime? Katholische Kirche und Katholiken im Rheinland 1933−1945, in: Internetportal Rheinische Geschichte

Der Dechant der Pfarre St. Remigius, Gerhard Frenken, geht in seiner „Geschichte der Kirche und Pfarre zum hl. Remigius in Viersen“ mit keinem Wort auf die Verfolgung der jüdischen Gemeinde und deren in unmittelbarer Nähe in der Rektoratstr. 10 gelegenes und zerstörtes Bethaus ein.