Am Sint Urbanusweg in Venlo wird ein Wohnhaus zum Versteck: Eine Familie aus Viersen schützt ein jüdisches Ehepaar vor der Deportation – unter ständiger Lebensgefahr.
🎧 Dieser Beitrag steht Ihnen auch in einer Hörfassung zur Verfügung.
Verbindungen der Familien Schüren und Moser
Die Geschichte des Verstecks am Sint Urbanusweg beginnt nicht mit dem Untertauchen, sondern mit gewachsenen Beziehungen. Die Eheleute Heinrich (*1883) und Josefa (*1885) Schüren, gebürtig aus Viersen, wo sie eine Tischlerei betrieben, wandern 1931 nach Venlo aus. Über geschäftliche Verbindungen – unter anderem zu Fritz Lambertz – bestehen die Kontakte in die alte Heimat fort.
In diesem Netzwerk begegnen sie auch dem deutsch-jüdischen Ehepaar Max (*1879) und Elise („Liesje“, *1887) Moser aus Düsseldorf. Fritz Lambertz ist der Bruder von Elise Moser. Nach der Entrechtung und wirtschaftlichen Verdrängung im Zuge der nationalsozialistischen „Arisierung“ emigrieren die Mosers 1938 nach Venlo. Was zunächst wie ein Neuanfang erscheint, wird nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande erneut zur existenziellen Bedrohung.
Zwischen den Familien bestehen zu diesem Zeitpunkt nicht nur geschäftliche, sondern offenbar auch persönliche Beziehungen. Als sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung weiter verschärft, treffen die Schürens eine folgenschwere Entscheidung: Sie bieten dem Ehepaar Moser Schutz. Dass ausgerechnet ein deutsches Ehepaar in Venlo jüdische Verfolgte versteckt, ist außergewöhnlich und besonders riskant.
Die Entscheidung ist keine spontane Tat, sondern das Ergebnis eines gewachsenen Vertrauensverhältnisses. Sie bildet den Ausgangspunkt für eine gemeinsame Geschichte, die im Verborgenen weitergeht – unter Bedingungen, die für alle Beteiligten lebensgefährlich sind.
Das Haus in Venlo – Leben im Versteck
Am 10. April 1943 erreichen Max und Elise Moser das Haus der Familie Schüren am Sint Urbanusweg 98 in Venlo. Damit beginnt für das Ehepaar eine Zeit des vollständigen Rückzugs: ein Leben im Verborgenen, abgeschnitten von der Außenwelt.
Ihr Versteck befindet sich im Dachgeschoss des Hauses, in einem kaum belüfteten Raum unter der Dachschräge. Zugänglich ist dieser nur über einen verborgenen Mechanismus: einen unauffälligen Deckel in einem Wandkasten, hinter dem sich der Zugang zum Dachraum verbirgt. Bei Gefahr können sich die Mosers zusätzlich hinter Möbeln verbergen – ein Rückzugsort im Rückzugsort. Über viele Monate hinweg wird dieser enge, einfache Raum zu ihrem einzigen Lebensbereich.
Das Haus selbst wirkt nach außen unauffällig. Die Familie Schüren lebt hier mit Kindern und Angehörigen einen scheinbar normalen Alltag, trotz deutscher Besatzung. Gerade diese Normalität schützt das Versteck – und macht es zugleich besonders riskant. Denn Besuche deutscher Soldaten gehören zur Realität. In solchen Momenten greift ein abgesprochenes Warnsignal: Die Tochter Renate zieht sich in ihr Zimmer zurück und beginnt zu singen. Für die Mosers ist dies das Zeichen, sich sofort vollständig zu verstecken.
Über etwa eineinhalb Jahre hinweg – länger als in allen anderen bekannten Fällen in Venlo – bleiben Max und Elise Moser in diesem Versteck verborgen. Sie dürfen die Wohnung kein einziges Mal verlassen. Ihr Alltag ist geprägt von Enge, Improvisation und Entbehrung: Ein Eimer dient als Toilette, die nur in größeren Abständen geleert werden kann. Die Versorgung mit Lebensmitteln erfolgt heimlich über Kontakte der Familie Schüren.
Trotz dieser extremen Bedingungen gelingt es beiden, physisch zu überleben. Unterstützt durch die Hilfe der Familie und kleine Aufgaben im Verborgenen – etwa in der Buchhaltung oder bei der Versorgung eines aufgenommenen Kindes – bewahren sie sich ein Mindestmaß an Alltag.
Flucht, Verlagerung und Überleben bis zur Befreiung
Am 19. Oktober 1944 endet das Versteck im Haus der Familie Schüren abrupt: Die Gestapo verhaftet Heinrich Schüren und seinen Schwiegersohn Henk van Rossum unter dem Verdacht, den Widerstand zu unterstützen. Das Haus wird durchsucht. Für Max und Elise Moser entsteht akute Gefahr – sie müssen ihr langjähriges Versteck innerhalb kürzester Zeit verlassen.
Mit Hilfe eines bislang namentlich nicht bekannten Kaplans gelingt die Flucht in ein erstes Ausweichversteck. Unter falscher Identität erhalten die Mosers neue Papiere und tauchen erneut unter. Doch die Situation bleibt instabil: Bereits nach kurzer Zeit wird dieses Versteck durch alliierte Bombenangriffe beschädigt. Auch ein weiterer Zufluchtsort erweist sich nur als Zwischenstation, da die Bewohner aus Angst vor den Kampfhandlungen fliehen.
Erneut ist es der Kaplan, der Hilfe organisiert. Schließlich finden die Mosers Aufnahme im Kloster Mariadal in Venlo. Dort leben sie weiterhin unter falschem Namen im Verborgenen. In den letzten Kriegsmonaten verschärft sich die Lage in der Region nochmals deutlich: Evakuierungen, Frontverläufe und Zerstörungen prägen den Alltag. Über weitere Zwischenstationen – unter anderem in einem Krankenhaus – gelingt es dem Ehepaar, der Entdeckung zu entgehen.
Am 13. April 1945 erleben Max und Elise Moser die Befreiung. Nach insgesamt rund zwei Jahren im Untergrund – davon etwa eineinhalb Jahre im Haus der Familie Schüren – haben sie überlebt.
Nach dem Krieg kehren sie zunächst kurzzeitig nach Venlo zurück. In den folgenden Jahren verlassen sie Europa: Sie schließen sich ihren Kindern im Ausland an und beginnen ein neues Leben. Ihre Rettung bleibt untrennbar mit dem Mut und der Hilfe derjenigen verbunden, die sie über lange Zeit verborgen hielten und immer wieder neue Wege zum Überleben ermöglichten.
Das Kloster Mariadal im Stadtteil 't Ven. (Foto: Odor55, CC BY-SA 3.0 nl)
Ein besonderer Fall – und ein Ort der Erinnerung
Der Fall Schüren–Moser nimmt innerhalb der Geschichte des „Untertauchens“ in den Niederlanden eine besondere Stellung ein. Bislang ist kein vergleichbarer Fall aus Venlo bekannt, in dem ein deutsches Ehepaar über einen so langen Zeitraum – rund eineinhalb Jahre – ein jüdisches Ehepaar versteckt hielt. Diese Konstellation ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Deutsche Staatsangehörige galten im besetzten Gebiet einerseits als weniger verdächtig, waren im Falle einer Entdeckung jedoch einem erheblichen Risiko ausgesetzt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der diesen Ort besonders macht: Das Versteck ist bis heute baulich erhalten. Während viele Untertauchorte nach dem Krieg verschwanden oder umgebaut wurden, lässt sich die Situation am Sint Urbanusweg 98 noch nachvollziehen. Vergleichbare, original erhaltene Verstecke mit einer ähnlichen Konstellation sind bislang nicht bekannt.
Im Vergleich zu bekannteren Orten wie dem Versteck von Anne Frank wird die Besonderheit deutlich: Auch dort lebten Verfolgte über längere Zeit verborgen, doch handelte es sich um ein anderes soziales Umfeld. In Venlo hingegen steht die grenzüberschreitende Dimension im Vordergrund – deutsche Helfer, jüdische Verfolgte aus Deutschland und ein Versteck im besetzten Ausland.
Gerade diese Verbindung macht den Fall auch für Viersen bedeutsam. Die Familie Schüren sowie ihr Umfeld hatten ihre Wurzeln in Viersen, ebenso bestanden enge geschäftliche und persönliche Kontakte dorthin. Die Rettungsgeschichte ist damit nicht nur Teil der niederländischen, sondern auch der lokalen Erinnerungskultur auf deutscher Seite.
Heute erfährt das Haus eine neue Bewertung: Einst vom Abriss bedroht, wurde es in kommunalen Besitz überführt und bewusst erhalten. Die Stadt Venlo plant, das sogenannte „Schüren-Moserhaus“ als Ort der Erinnerung und Bildung weiterzuentwickeln. Im Kontext einer breiter angelegten Aufarbeitung der jüdischen Geschichte vor Ort soll das Gebäude künftig eine zentrale Rolle spielen – als authentischer Schauplatz, der Geschichte nicht nur erzählt, sondern räumlich erfahrbar macht.
Damit wird aus einem ehemaligen Versteck ein Lernort: ein konkretes Beispiel für Zivilcourage im Alltag und für die Frage, welche Handlungsspielräume Menschen selbst unter extremen Bedingungen hatten.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit KI-generierten Zeichnungen ergänzt. Das hilft uns, Szenen sichtbar zu machen, für die keine passenden historischen Fotos überliefert sind – etwa weil solche Bilder nie gemacht wurden oder heute nicht mehr existieren.
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